Gefängnis voller Drogen – Polizei guckt weg
Sonntag, Januar 18th, 2009Alarmierende Berichte der Staatsanwaltschaften :
Gefängnis voller Drogen – Polizei guckt weg
Von Michael Bock und Jens Schmidt
Ein mit Drogen ” überfluteter ” Knast bleibt unbehelligt, Polizisten ermitteln schlampig oder gar nicht, Kommissare spielen ” Akten-Tennis “, schieben sich aufwändige Verfahren hin und her. So steht es in Berichten der Staatsanwaltschaften aus Magdeburg, Halle, Stendal, Halberstadt und Dessau. Der Zustand der Polizei ist demnach offenbar noch weit schlechter als es im Dezember zunächst schien.
Magdeburg. Ende 2008 war ein zusammenfassender Lagebericht der Generalstaatsanwaltschaft Naumburg an das Justizministerium publik geworden, in dem Polizei und Innenminister außergewöhnlich schlecht wegkamen. Die Zuarbeiten aus den Regionaldienststellen der Staatsanwälte, die der Volksstimme seit dieser Woche vorliegen, zeichnen ein noch düstereres Bild.
Quell allen Versagens ist nach einhelliger Auffassung der Staatsanwälte vor allem die schlecht umgesetzte Polizeireform. Am 1. Januar 2008 waren im Nachgang zur Kreisgebietsreform sechs Polizeidirektionen zu drei Direktionen zentralisiert worden. Zugleich wurde Ermittlungsarbeit von den Zentralen auf die Reviere der Landkreise verteilt.
Ein Jahr nach der Reform fällt die Bilanz der Staatsanwälte verheerend aus. An erster Stelle dafür zuständig ist Innenminister Holger Hövelmann ( SPD ). Er hatte in einem Volksstimme-Interview im Dezember eingeräumt: ” Probleme gibt es. Das überrascht bei einer so tief greifenden Polizeistrukturreform auch nicht. Da knirscht es manchmal im Gebälk. ”
Nur ein Knirschen ? Nach Auffassung der Staatsanwälte liegt der Geräuschpegel im Gebälk deutlich höher. Die Behörde von Halberstadts Oberstaatsanwalt Helmut Windweh meldet: Die Polizeireform ” hat das System an den Rand der Funktionsfähigkeit geführt “. So habe man bei den Ermittlern von Sexual-, Umwelt- und Vermögensdelikten Leistungsträger ziehen lassen und die Ausfälle nicht kompensiert. ” Verdachtsermittlung findet kaum noch statt.“
Keine Observation
In Halle beschweren sich Staatsanwälte, dass Polizisten aufwändige Recherchen abwimmeln. Zum Beispiel im Gefängnis: ” Strukturermittlungen bezüglich des organisierten Drogenhandels in einer Justizvollzugsanstalt sind durch die Polizeidirektion abgelehnt worden, obwohl nach Erkenntnissen der Strafverfolgungsbehörden diese Justizvollzugsanstalt mit Betäubungsmitteln geradezu, überflutet ‘ wird.“ Oder: ” Notwendige Observationen zum Beispiel von vietnamesischen Einzelhändlern in Halle werden nicht durchgeführt, obwohl diese ersichtlich mit Diebesgut von Drogenabhängigen dealen.“
Ähnliches berichten Staatsanwälte aus Magdeburg. ” Eine Vielzahl von Polizeibeamten ist für die Bearbeitung von BtM ( Betäubungsmittel ) -Sachen zuständig geworden, denen diesbezüglich jegliche Berufserfahrung fehlt.“ Die Auswirkungen der Reform seien daher zum Teil ” verheerend “, schreibt die Behörde unter Oberstaatsanwalt Rudolf Jaspers. Verdächtige kamen davon, da selbst schwere Delikte wegen löchriger Ermittlungsarbeit zu den Akten gelegt werden mussten.
Beinah wehmütig erinnern Staatsanwälte an frühere Zeiten, als die Spezialisten des Landeskriminalamts bei Drogendelikten kräftig mithalfen, nicht nur Dealer vor Ort, sondern auch Zwischenhändler außerhalb Sachsen-Anhalts ausfindig zu machen. Nun sei die Polizei vor Ort zuständig. Doch: ” Ein Polizeirevier ist personell nicht in der Lage, Strukturermittlungen zu führen “, und selbst das Niveau der Polizeidirektion reiche nicht an die Kompetenz eines LKA heran, urteilen Staatsanwälte. Halles Oberstaatsanwalt Jörg Wilkmann schreibt in seinem Fazit von einem ” massiven Qualitätseinbruch “.
Die Einschätzungen der Staatsanwälte werden auch genährt von Erfahrungen, die ihnen Polizisten anvertrauen. Zitiert wird ein hoher Polizeibeamter, wonach die Polizei zwar nun mehr, Häuptlinge ‘ habe, aber immer weniger, Indianer ‘, die letztendlich die Arbeit leisten müssen. Die Rede ist von Frust, hohen Krankenständen und durcheinander gewürfelten Zuständigkeiten. Das alles führe dazu, dass die Zahl der Anklagen zurückging – nicht etwa, weil die Bürger rechtstreuer geworden sind, wie ein Staatsanwalt schreibt, sondern weil der ” wohlinformierte Dorfpolizist ” fehlt. Fatalerweise würden einige Amtsgerichte schon darüber nachdenken, Personal zu reduzieren.
Untragbarer Zustand
Karsten Schmidt, Chef der Gewerkschaft der Polizei, warnt davor, alle Probleme auf die Reform zu schieben. Auf die Schreiben angesprochen, sagte er der Volksstimme: ” Es ist falsch, die Zahl der Polizeistellen auf 5500 reduzieren zu wollen, wir brauchen 7000 Stellen.“ Zudem habe die Regierung den Staatsschutz im Kampf gegen Neonazis ausgeweitet, was aber zu Lasten anderer gehe. ” Die Politik kann dann sagen: ‚ Wir haben was gegen Rechts getan. ‘ Das heißt aber automatisch, dass Leute von woanders abgezogen werden müssen. ”
Einige Staatsanwälte ermitteln lieber selbst, da sie den Polizeikollegen nicht mehr trauen. Dessau-Roßlaus Behördenchef Folker Bittmann berichtet, dass zum Teil Beweise nicht verlässlich gesichert wurden. In etlichen Fällen müssten die Staatsanwälte nachermitteln – je nach Deliktart betreffe das 10 bis 60 Prozent der Fälle.
Die Staatsanwaltschaft Stendal weiß: ” Wegen der knappen Personalressourcen werden in einem Polizeirevier die sogenannten Todesermittlungsursachen von einem Beamten der Schutzpolizei bearbeitet, der keine kriminalistische Ausbildung hat.“ Oberstaatsanwältin Uta Wilkmann meint dazu: ” In Anbetracht der ständig wiederkehrenden Diskussion über die vermeintlich hohe Dunkelziffer bei Tötungsdelikten und unter Berücksichtigung des Umstands, dass Ärzte jeder Fachrichtung ohne rechtsmedizinische Erfahrungen die Totenscheine ausfüllen, halte ich diesen Zustand für untragbar.“ Meinung
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Dokument erstellt am 16.01.2009 um 06:05:25 Uhr
Erscheinungsdatum 16.01.2009 | Ausgabe: mdx
URL: http://www.volksstimme.de/vsm/nachrichten/sachsen_anhalt/?em_cnt=1302594
