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Polizist nach Kopfschuss aus Koma erwacht

Freitag, September 25th, 2009

Passau - Polizist nach Kopfschuss aus Koma erwacht

Nach den Schüssen im Passauer Polizeigebäude ist der schwer verletzte Polizist aus dem Koma erwacht. Ein 27-Jähriger hatte ihm im Rausch die Waffe entrissen.

Der 49-Jährige, der seit 27 Jahren bei der Passauer Polizei arbeitet, habe sich bereits zum Tatablauf äußern können, so ein Polizeisprecher. Der verletzte Beamte war am frühen Freitagmorgen mit seiner eigenen Dienstwaffe angegriffen worden. Nach einem Ehestreit hat ein 27 Jahre alter Betrunkener in der Polizeiinspektion dem Polizisten die Dienstwaffe entrissen und ihm damit in den Kopf geschossen.

Der Täter, ein aus Kasachstan stammender Deutscher, arbeitet als Schweißer, ist verheiratet und hat zwei Kinder. In der Nacht zum Freitag hat er sich nach eigenen Angaben heftig mit seiner Frau gestritten, die daraufhin die gemeinsame Wohnung verließ. Wahrscheinlich hat er zuvor auch zugeschlagen. „Bei den Vernehmungen konnten wir feststellen, dass die Frau Verletzungen im Gesicht hat“, so der Leitende Oberstaatsanwalt Helmut Walch. Der Mann war daraufhin mit mindestens 2,0 Promille Alkohol im Blut von zu Hause in die Polizeiinspektion gegangen und forderte dort den Angaben der Ermittler zufolge Hilfe bei der Suche nach seiner Frau.

Kugel durchschlägt Kiefer
Was in der Polizeiinspektion genau passierte, ist noch nicht bis ins letzte Detail klar. Letzter Stand: Der 27-Jährige drängt den Polizeibeamten zunächst vehement, nach seiner Frau zu suchen. Als der Beamte sein Gegenüber auffordert zurückzutreten, kommt es zu einem Gerangel. Der junge Mann reißt die Pistole des Beamten an sich, der Polizist flüchtet in Richtung Keller. Aber als er die erste Stufe der Treppe erreicht hat, drückt der Betrunkene ab. „Im Gebäude hat er insgesamt fünf Schüsse abgefeuert“, sagte der Oberstaatsanwalt später. Eine Kugel trifft den Beamten in den Kopf, durchschlägt seinen Kiefer und dringt bis in den Brustraum ein. „Der Beschuldigte räumt ein, dass er auf den Polizeibeamten geschossen hat“, so Walch.

Der Täter verschanzt sich daraufhin mit dem schwer verletzten Beamten im Hof der Polizeiinspektion zwischen mehreren Autos. Schnell haben ihn andere Polizisten umstellt. Der 27-Jährige habe mit der Dienstwaffe so lange in die Luft geschossen, bis das Magazin leer war. Ob der Täter bei seinen Schüssen im Hof nur auf die Hauswand oder auf andere Polizisten zielte, soll ein Gutachten zu Positionen und Schusswinkel klären. „Die Beamten hatten aber immer Blickkontakt zu ihm und ihrem Kollegen. So konnten sie sehen und hören, dass der Täter bald sein Magazin leer geschossen hatte. Dann konnte der Zugriff erfolgen, ohne dass die Polizei auch nur einen Schuss abgegeben hat.“ Der schwer verletzte Polizist wurde von einem Notarzt versorgt und später im Krankenhaus in ein künstliches Koma versetzt.

Täter ist polizeibekannt
Gegen den Täter erging Haftbefehl – er ist der Polizei nicht unbekannt. Wie der Passauer Polizeipräsident Josef Rückl sagte, liegen sieben Akten über den Mann vor – in ihnen geht es um Körperverletzung und Diebstahl. Mitleid mit dem Opfer hat der Täter nicht gezeigt. „Solange ich bei der Vernehmung dabei war, hat der Täter auch kein Bedauern geäußert“, so Walch.

Polizei und Staatsanwaltschaft hoffen, dass die vielen noch offenen Fragen im Gespräch mit dem schwer verletzten Beamten beantwortet werden. Zum Beispiel, warum der Beamte allein im Wachraum war, obwohl einschließlich Streifenbeamten und Kriminaldauerdienst üblicherweise zwölf Beamte Nachtschicht machten.

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Ein Stich und die Folgen

Samstag, Januar 10th, 2009

Der Fall Mannichl
Ein Stich und die Folgen

08.01.2009, 19:00 Uhr. Als Polizeidirektor Mannichl niedergestochen wurde, schien gewiss: Der Täter ist ein Rechtsextremer. Doch jetzt mehren sich die Zweifel am Tathergang.

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Von A. Ramelsberger, M. Hägler, S. Wimmer und J. Käppner

Zunächst war alles klar in diesem Fall. Alois Mannichl, der Polizeidirektor von Passau, wurde am 13. Dezember 2008 um 17 Uhr 30 im Eingang seines Hauses niedergestochen. Unmittelbar danach rief die Polizei die Fahndung nach einem rechtsradikalen Täter aus.
Am nächsten Tag kam der bayerische Innenminister ans Bett des niedergestochenen Polizeichefs, am zweiten Tag der Ministerpräsident. Spätestens am dritten Tag aber kamen erste Fragen auf.

Es sind Fragen von großer Brisanz, die, falls sie von der Sonderkommission des bayerischen Landeskriminalamts nicht beantwortet werden, zu schweren politischen Verwerfungen führen können. Erfahrene Ermittler sagen: “Irgendetwas passt da nicht zusammen.”

Die Fragen entzünden sich an mehreren Punkten: dem Tathergang, dem angeblichen Täter aus der rechtsradikalen Szene, den unklaren Phantombildern, den Spuren auf dem Messer.

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1. Die Tat
Ein großer rechtsradikaler Mann soll am Haus von Alois Mannichl in Fürstenzell geklingelt und ihn mit den Worten niedergestochen haben: “Schöne Grüße vom nationalen Widerstand. Du trampelst nicht mehr auf den Gräbern unserer Kameraden herum.” So berichtete es der Angegriffene seinen Kollegen von der Polizei. Für den Hergang der Tat gibt es bislang nur einen einzigen Zeugen: das Opfer selbst. Mannichl gab an, am Samstagabend habe es geläutet, er habe geöffnet und sogleich einen Mann mit hasserfülltem Gesicht gesehen. Dann habe der Mann ein Messer gezückt. Mannichl habe die Hand mit dem Messer noch mit beiden Händen erfasst und nach unten drücken können.

Später stellte sich heraus, dass das Messer aus Mannichls Haushalt stammt und angeblich vor dem Haus lag. Unklar ist: Woher sollte der Täter wissen, dass sich vor dem Haus ein Messer befand? Warum sollte er für einen Mordanschlag ein Küchenmesser benutzen? Warum lässt der Täter das Messer am Tatort zurück und geht das Risiko ein, seine DNA zu hinterlassen?

Allenfalls, wenn das Gespräch an der Tür länger gedauert haben sollte, hätte er das Messer entdecken können. Das aber stimmt nicht mit der Aussage von Alois Mannichl überein. Auch DNA-Material des Täters, das bei einer Rangelei an der Kleidung von Mannichl zu finden sein müsste, ist bisher nicht nachgewiesen worden.

“Ein solches Setting spricht sonst für eine Beziehungstat”, sagt ein erfahrener Polizist. Der oberösterreichische Sicherheitschef Alois Lißl, der an den Ermittlungen beteiligt war, hält jedoch eine rechtsextreme Tat weiterhin für wahrscheinlich. Aber er sagt auch, der Tathergang lasse auf einen bestimmten Charakter des Täters schließen.

“Messerattentäter haben eine andere Philosophie, sie wollen jemanden im Nahkampf besiegen.” Es gehe bei einem solchen Modus operandi um eine sehr persönliche Rache.

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2. Der Täter
Erstaunlich ist, dass Mannichl nur eine sehr ungenaue Personenbeschreibung abgegeben hat. Ein Mann, 1,90 Meter groß, rundes Gesicht, Glatze. Mit niederbayerischem oder oberösterreichischem Akzent sprechend. Eine Zeugin aus der Nachbarschaft hatte dann von auffälligen Tätowierungen gesprochen, die sie bei einem Verdächtigen bemerkt haben wollte, in Form einer Schlange hinter dem Ohr des Täters oder eines Kreuzes im Gesicht.

Phantombilder aufgrund dieser Aussage wurden daraufhin veröffentlicht. Mittlerweile gehen die Fahnder davon aus, dass es diese Männer nicht gibt. “Wenn einer mit so einer Tätowierung einen Anschlag begeht, dann ist das so, als wenn ein Bankräuber mit dem Personalausweis auf der Brust in die Bank marschiert”, sagt einer. “Solche Leute kennt man.” Sie würden innerhalb von Tagen ermittelt.

Die Aussagen der Zeugin halten die Fahnder für nicht wirklich belastbar. Bleibt nur noch Mannichl selbst, ein erfahrener Polizist, seit Jahrzehnten im Dienst. “Die Erfahrung eines Polizeimannes sollte dazu führen, dass die Wahrnehmung die wesentlichen Dinge wie das Aussehen erfasst”, sagt der Rechtspsychologe Martin Schmucker von der Uni Erlangen.

Natürlich könne eine auf einen selbst gerichtete Waffe einen gewissen “Aufmerksamkeitssog” haben und vom Täter ablenken. Aber bei einem Polizisten sei so etwas nicht zu erwarten. Andere Experten widersprechen: Das Trauma, das die erschütternde Erfahrung, zum Opfer einer Gewalttat zu werden, auslösen kann, habe schon zu erstaunlichsten Erinnerungslücken geführt - durch Schock oder Verdrängung. Das könne auch einem Polizisten passieren.

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3. Das Messer
Zunächst hieß es, der Täter habe mit seinem Messer auf Mannichl eingestochen. Dann stellte sich heraus, dass dieses Messer aus dem Haushalt von Mannichl stammt, es soll ein gewöhnliches Haushaltsmesser mit einer 12 Zentimeter langen Klinge sein.

Nach ersten Untersuchungen fanden sich darauf DNA-Spuren, allerdings nicht von Fremden. “Eine Fremdspur wurde bisher nicht eindeutig isoliert”, sagt der Passauer Oberstaatsanwalt Helmut Walch, aber die Überprüfung sei noch nicht abgeschlossen. Nach Informationen der SZ gibt es auch keinerlei Wisch- oder Schleifspuren, die aber erkennbar sein müssten, wenn der Täter das Messer mit einem Handschuh angefasst haben sollte. Denn auch ein Handschuh hinterlässt Spuren.

Das Messer soll auf dem Fensterbrett vor dem Eingang zum Haus der Familie Mannichl gelegen haben - um Lebkuchen abzuschneiden, bei einem Fest, das wenige Tage vorher mit den Nachbarn gefeiert wurde. Bis heute ist nicht klar, ob mit dem Messer jemals Lebkuchen geschnitten wurde.

Der Stich traf Mannichl zwei Zentimeter unterhalb des Rippenbogens und nicht, wie anfangs erklärt wurde, zwei Zentimeter neben dem Herzen. Der Stich soll, wie aus Ärztekreisen zu hören ist, nicht mit Wucht geführt worden sein.

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4. Die rechte Szene
Alois Mannichl beschrieb den Angreifer als einen sehr großen, glatzköpfigen Mann. Ein solcher Mann müsste nach Auskunft verschiedenster Fahnder schnell zu finden sein. Denn Polizei und Verfassungsschutz haben in ihren Dateien jeden Rechtsradikalen - auch mit Bild - verzeichnet. Auch die Österreicher haben ihre Dateien durchforstet, selbst die Tschechen haben recherchiert. “In den Dateien ist dieser Mann nicht”, sagt ein hoher Beamter.

Natürlich kann es sein, dass sich eine sehr kleine Gruppe von Rechtsradikalen zu einer Terrortat verabredet hat. Aber dass diese Gruppe unentdeckt bleibt, dagegen spricht die Erfahrung. Die Fahnder hatten auch die Gruppe um den Münchner Rechtsradikalen Martin Wiese im Visier, als die 2003 gerade erst am Küchentisch saß und über Anschlagspläne auf den Bauplatz der Münchner Synagoge sprach.

Bayerns Fahnder haben ihre Zugänge zur rechtsradikalen Szene ausgebaut. “Es ist unwahrscheinlich, dass uns so eine Gruppe verborgen bleibt”, sagt einer. Außerdem würden sich Rechtsterroristen irgendwann mit der Tat brüsten: Doch es gibt kein Bekennerschreiben, keinen Hinweis, nichts.

Es könnte auch sein, dass ein Täter aus einer anderen Szene den Verdacht bewusst auf die rechte Szene lenken wollte. Mannichl war einst Leiter einer Dienstelle gegen die Organisierte Kriminalität.

Aus dieser Szene kommen immer wieder Drohungen gegen Richter, Staatsanwälte, auch Polizisten. Aber Anschläge aus der OK-Szene laufen in der Regel anders ab als die Messerattacke von Passau. “Da geschieht ein Autounfall, und man kann nichts nachweisen”, sagt ein Fahnder. “Ein Täter aus der OK-Szene kommt nicht unvermummt vor die Tür und greift sich ein Messer, das dort herumliegt.”

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5. Die Ermittlungen
Als die Polizei in Passau erfuhr, dass ihr Chef angegriffen worden war, überprüfte sie sofort alle Rechtsradikalen in Bayern. Noch in der Nacht wurde der Tatort gesichert. Doch wurde auch in alle Richtungen ermittelt?

Bereits im Dezember hatten Polizisten der Passauer Soko im örtlichen Blatt Am Sonntag geklagt, sie könnten Fragen, die jenseits der Theorie vom rechtsradikalen Attentat liegen, allenfalls intern diskutieren: “Wir haben es schließlich mit unserem eigenen Chef zu tun”, wurde ein Soko-Mitglied zitiert. Fahnder aus anderen Städten sagen nun: “Ein guter Ermittler legt sich nicht so früh auf eine Richtung fest.”

Offensichtlich hat sich der politische Hintergrund nie so verdichtet, dass die Generalbundesanwältin einen Anlass sah, den Fall zu übernehmen. Sie war von vornherein informiert. Im Fall des Rechtsradikalen Martin Wiese hatte die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen sofort übernommen.

Der Sprecher des Landeskriminalamts, Detlef Puchelt, erklärt, es gebe momentan keine neuen Erkenntnisse im Fall Mannichl. Man wolle die Sonderkommission in Ruhe arbeiten lassen. Mannichl selbst hatte bei seinem Dienstantritt an diesem Mittwoch erklärt, solche Ermittlungen könnten Wochen, Monate, vielleicht sogar Jahre dauern.

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6. Die Familie
Die Polizei Passau hat nach Informationen der SZ nicht wie sonst in unklaren Tatsituationen schnell das private Umfeld des Opfers aufgeklärt. Die Polizisten ermittelten in erster Linie in Richtung Rechtsradikale, eingehende Befragungen aller Familienmitglieder wurden zunächst nicht vorgenommen. Normales Procedere sei es, von innen nach außen zu ermitteln, sagt ein Ermittler. Ein Drittel der Arbeit sei es, die privaten Verhältnisse zu recherchieren. Das sei hier zu spät erfolgt. Mannichl selbst wurde bereits am 18. Dezember förmlich vernommen, auch seine Frau wurde befragt.

Die Mannichls haben zwei erwachsene Kinder, eine Tochter und einen Sohn, der in Berlin lebt. Die Kinder wurden erst vor ein paar Tagen vernommen, als das Landeskriminalamt die Ermittlungen übernahm. Die Mannichls hatten angegeben, Sohn und Tochter seien zur Tatzeit nicht zuhause gewesen. Alois Mannichl selbst, so sagt Oberstaatsanwalt Walch, habe großes Verständnis, dass nun auch in seinem privaten Bereich ermittelt werde. “Er ist sehr kooperativ.”

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Das Landeskriminalamt hat die Ermittlungen nun völlig neu aufgerollt.

(SZ vom 09.01.2009/woja)
Copyright © sueddeutsche.de GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/bayern/111/453799/text/

Kampf gegen den eigenen Körper

Sonntag, November 16th, 2008

Ein Dienstunfall lähmt einen jungen Polizisten. Nach drei Jahren und drei Monaten kehrt er zurück zur Kripo.
Von FOCUS-Redakteur Josef Seitz

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Es ist die Fallhöhe eines Lebens: An einem Samstag im Juni 2005 geht der Würzburger Polizei-Hundeführer Uwe Herold früh um sieben zum Dienst. Um die Hunde zu schulen, klettert er auf einen Baum. In zweieinhalb Meter Höhe bricht ein Ast. Uwe Herold stürzt. Am nächsten Morgen meldet der Polizeibericht „zum Sachverhalt: PHM Herold wurde bis in die Morgenstunden operiert. Laut Auskunft der behandelnden Ärzte wird er vom Hals abwärts querschnittgelähmt bleiben“.

Aus der Narkose erwacht Uwe Herold in einer neuen Welt. Es ist eine Welt von unten. Die erste Rasur erschreckt ihn. Tätowierte Arme fassen ihm von oben ins Gesicht. „Ich bin der Manfred“, sagt ein Kerl, die langen Haare zum Pferdeschwanz gebunden. „Ich will das nicht“, fährt Uwe Herold durch den Kopf, „der Typ sieht aus wie die Kundschaft, die ich immer kontrolliert habe“. Es dauert, dann freunden sich der Polizist und der Tätowierte an. Uwe Herold bleibt Zeit, sich Krankenhaus und Personal zu gewöhnen.

Die Kinder laufen weinend davon
Als seine Kinder zum ersten Mal ins Krankenzimmer dürfen, endet der Besuch schnell. Sohn Sven läuft weinend auf den Flur. Den Pflegesohn Manuel findet die Mutter später zu Hause, die Tränen fließen. Er hat Angst, ins Heim zurück zu müssen, jetzt, wo der Vater vom Polizisten zum Pflegefall geworden ist. Tochter Santana schreibt einen Brief ins Krankenhaus, er besteht aus einem einzigen Wort: „LiebPapakombaldheim“.

Uwe Herold, heute 36, ist Tetraplegiker. Ein angebrochener vierter Halswirbel, der zertrümmerte fünfte, ein angebrochener sechster trennen den Kopf vom Körper. Schon das Atmen fällt schwer. Arme und Beine sind gelähmt. Er kann keinen Finger krumm machen. Er hat keine Chance. Aber er will sie nutzen. In Uwe Herold Kopf setzt sich eine Idee fest: „Ich bin zu jung. Es kann nicht der Sinn des Lebens sein, zu Hause zu sitzen.“ Und: „Ich will den Kollegen zeigen, dass man trotz einer Behinderung sinnvoll arbeiten kann.“

Panik vor dem Atemstillstand
Der Polizist lebt in einer verrenteten Gesellschaft. Fast jeder fünfte Vollzugsbeamte in Deutschland geht vorzeitig in Pension. Uwe Herold hätte jeden Grund, die Arme in den Schoß zu legen. Er kann ja ohnehin nichts anfangen mit ihnen. Er stemmt sich gegen seinen Körper. Im Krankenhaus lässt er die Beatmung abstellen. Gegen seine Panik, dass nur sie ihn am Leben hält. Er staunt: „Ich kann ohne Maschine atmen.“ Zwei Wochen übt er, um Atem und Sprache wieder zu koordinieren. Er ruft seine Frau Bianca an: „Hallo“, haucht er ins Telefon, „ich bin’s.“ Sie will ihm nicht glauben. Er lernt wieder sitzen.

Die Stimme öffnet Türen
Drei Jahre und drei Monate nach dem Unfall ist Uwe Herold wieder Polizist. Bei der Kripo in Würzburg hat man ihm ein Büro im Erdgeschoss eingerichtet. Die Kollegen kommen gern vorbei bei Kriminalhauptmeister Herold. Und wenn sie klopfen, ist Zeit für Science-fiction. Uwe Herolds Stimme kann die Tür öffnen. Sie steuert das Deckenlicht. Sie lässt die Jalousie vor dem Fenster herunter fahren und wieder hoch. Die Sprachsteuerung übers Telefon macht es möglich. Am Computer aktualisiert der Polizist Daten für die Kollegen. 23 000 Euro hat die Würzburger Polizei in den Arbeitsplatz für den Querschnittgelähmten investiert. Vorerst zwei Stunden am Tag arbeitet Uwe Herold. „Wach auf“, sagt er zum Programm. Er diktiert: „Bei einer Überprüfung der von Ihnen angefragten Person wurde eine aktuelle Fahndung festgestellt.“

Nach Feierabend sagt Uwe Herold: „Was gäbe ich darum, könnte ich meine Tochter noch einmal in den Arm nehmen, ohne dass sie meinen Arm um sich legen muss.“ Es gibt Sätze, nach denen seine Frau Bianca schnell aufsteht, um ein Tuch zu holen. Damit tupft sie ihrem Mann eben mal ein wenig unter den Augen.

Die gesamte Reportage über Uwe Herold lesen Sie im aktuellen FOCUS (47/2008) ab Seite 108.

Quelle: Focus.de

Hausdurchsuchung wegen Bundestrojaner

Mittwoch, September 17th, 2008

Bedingt abhörbereit

Hat Bayern den Bundestrojaner bereits illegal eingesetzt? Die Piratenpartei hatte einen Brief veröffentlicht, der das nahelegt. Jetzt durchsuchte die Polizei die Wohnung des Pressesprechers.

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Was kostet es, einen Bundestrojaner auf den Computer eines Verdächtigen einzuschleusen? Zumindest die Preise der bayerischen Variante sind bekannt. Im Januar 2008 veröffentlichte die Piratenpartei auf ihrer Website ein Schreiben des bayerischen Justizministeriums.

Darin teilen die Beamten den Generalstaatsanwälten in München, Nürnberg und Bamberg unter anderem mit, dass die umstrittene Schnüffelsoftware bereits für 3500 Euro im Monat einsatzbereit sei. Der Brief ist der Piratenpartei nach deren Angaben von einem Informanten zugespielt worden.

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Die Veröffentlichung des Schreibens hatte für die kleine Partei, die sich für einen freien Wissensaustausch, für besseren Datenschutz und ein neues Urheberrecht einsetzt, schwerwiegende Folgen. Vergangene Woche durchsuchten bayerische Beamte die Münchner Wohnung des Pressesprechers Ralph Hunderlach und beschlagnahmten dessen Computer, um die Identität des Informanten zu ermitteln.

Die Münchner Staatsanwaltschaft begründet den Durchsuchungsbeschluss damit, dass mit der Veröffentlichung des vertraulichen Schreibens das Dienstgeheimnis verletzt und die Arbeit der Ermittlungsbehörden behindert worden sei.

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Umstrittene Spionagesoftware
Das Schriftstück des Justizministeriums, dass die Piratenpartei ins Netz gestellt hatte, ist auf den Dezember 2007 datiert. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt der Einsatz eines Trojaners illegal. Erst im Juli 2008 hat der CSU-geführte bayerische Landtag ein Polizeigesetz beschlossen, dass das Ausspähen von Computern erlaubt.

Der Bund ist bislang noch nicht so weit.
Nachdem im Februar das Bundesverfassungsgericht das nordrhein-westfälische Gesetz zum Trojanereinsatz für verfassungswidrig erklärt hatte, berät der Innenausschuss derzeit noch das neue BKA-Gesetz, das Regelungen zur umstrittenen Verwendung der staatlichen Spionagesoftware enthalten soll.

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“Das Vorgehen der Münchner Staatsanwaltschaft kann man nur als Repression unserer politischen Arbeit verstehen”, sagt Jens Seipenbusch, stellvertretender Vorsitzender der Piratenpartei. “Einige unserer Staatsdiener möchten den Überwachungsstaat wohl zu gerne ohne Wissen der Bevölkerung installieren.“ Die Münchner Staatsanwaltschaft will sich zur Hausdurchsuchung nicht äußern. “Zu laufenden Ermittlungsverfahren geben wir keine Stellungnahme ab”, sagt deren Sprecher, Oberstaatsanwalt Anton E. Winkler.

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Welche Folgen die polizeiliche Maßnahme der Staatsanwaltschaft für die Partei und ihren Informanten hat, ist somit noch unklar. Anders als Journalisten genießen Organisationen wie Parteien keinen Informantenschutz. Erst 2007, zur Cicero-Affäre, hatte das Bundesverfassungsgericht den Schutz der im Grundgesetz garantierten Pressefreiheit gestärkt: Durchsuchungen bei Journalisten sind dann unzulässig, wenn sie allein dazu dienen, die Identität eines Informanten zu ermitteln.

Das Monatsmagazin Cicero hatte 2005 einen Artikel veröffentlicht, der ausführlich aus einem Bericht des Bundeskriminalamtes zitiert. Daraufhin wurden die Potsdamer Redaktionsräume und die Wohnung des Autors des Artikels durchsucht, Datenträger sichergestellt und eine Kopie der Computerfestplatte angelegt.

Quelle: Internet

Auf Pädophilenjagd im Netz

Sonntag, August 31st, 2008

Kinderpornografie

“Oft dachte ich, einen abscheulicheren Film gibt es nicht, und dann kommt ein noch schlimmerer”: Über die Arbeit der Internet-Fahnder des LKA.

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Der Kommissar besucht jeden Tag die einschlägigen Internetforen für Pädophile. Er braucht nur wenige Mausklicks, um Fotos von vergewaltigten Kindern auf seinen Computerschirm zu laden. Der Kriminaloberkommissar beim Bayerischen Landeskriminalamt (LKA) sitzt im dritten Stock der Zentrale in München gemeinsam mit elf Kollegen. Ihr Job: Sie durchforsten das Internet nach Straftaten.

Erst vergangene Woche präsentierte die Dienststelle “Netzwerkfahndung” den bislang größten Erfolg seit ihrer Gründung: Mit der “Operation Smasher” legte sie weltweit etwa 1200 Pädophilen das Handwerk.

Es war der bisher umfassendste Schlag gegen die Kinderpornoszene im Internet. Der Kampf gegen die Vergewaltiger und Vervielfältiger ist damit allerdings nicht gewonnen. Im Gegenteil: Die Dateien werden immer mehr und die Bilder immer brutaler, die Tauschringe immer konspirativer.

LKA-Cheffahnder Albert Bischeltsrieder warnt bereits vor einem rechtsfreien Raum. “Die Verbreitung von Kinderpornographie im Internet ist zuletzt gewaltig angestiegen”, sagt Bischeltsrieder. “Das Internet fordert uns massiv, und die Polizei wird künftig mehr Sachmittel und Personal vorsehen müssen, um keinen rechtsfreien Raum entstehen zu lassen”, sagt der Kriminaldirektor.

Im Jahr 2007 gingen allein beim LKA in München 39.000 Hinweise auf Kinderpornographie ein. “Da sind wir fast abgesoffen”, so Bischeltsrieder. Viele Tipps erweisen sich zwar als strafrechtlich nicht relevant, so sind etwa FKK-Bilder noch keine Kinderpornographie. “Aber wir gehen jedem Hinweis nach”, beteuert Bischeltsrieder. Dabei landen die Netzwerkfahnder regelmäßig einen Volltreffer. Wie bei der “Operation Smasher”, die ihren Ursprung 2006 in Italien hatte.

Die Töchter missbraucht

Die italienische Kinderschutzorganisation telefono arcobaleno (Regenbogen-Telefon) wies die Münchner Fahnder auf zwei Filme hin, die auf einem Server in der Region Konstanz gespeichert waren. Der Kommissar Richard Maurer, der seinen wirklichen Namen zum eigenen Schutz nicht in der Zeitung lesen will, und seine Kollegen überprüften das, wenig später rollte die “Operation Smasher” an.

Jetzt sind in Deutschland fast 1000 Täter aus allen Schichten und Altersgruppen überführt, 134 davon aus Bayern. Ein Mann aus Schleswig-Holstein wurde gefasst, der seine Töchter jahrelang fast täglich missbraucht hatte. Trotz dieses Erfolgs stieß die “Operation Smasher” aber auch an Grenzen: Weil nicht alle Daten rekonstruiert werden konnten, kamen viele Pädophile ungeschoren davon. Auch die Hintermänner der zwei Filme sind noch auf freiem Fuß.

Die Höchststrafe für den Besitz von Kinderpornographie beträgt fünf Jahre Haft, für aktiven sexuellen Kindesmissbrauch bis zu zehn Jahre. Albert Bischeltsrieder ruft nicht wie manche Politiker nach schärferen Gesetzen. Viel wichtiger ist ihm, dass der Fahndungsdruck erhöht wird. Bislang tummeln sich die meisten Pädophilen im vermeintlich anonymen Internet in der Überzeugung, sie würden nie erwischt werden. “Wir müssen denen klar machen, dass wir ihnen auf den Fersen sind.”

Die bundesweite Kriminalstatistik weist bei kinderpornographischen Bildern und Filmen zwischen 2006 und 2007 einen Anstieg um 55 Prozent aus. Im Internet verdoppelte sich die Zahl der Fälle gleichzeitig auf 6206. Im vergangenen Jahr wurden 15.935 Kinder sexuell missbraucht, jedes neunte Kind war jünger als sechs Jahre.

“Es gibt aber eine große Dunkelziffer”, betont Albert Bischeltsrieder. Die Hemmschwelle, einen Fall anzuzeigen, sei groß, da die Täter meist aus dem persönlichen Umfeld kommen. In der Regel sind die Peiniger Nachbarn, Onkel, Stiefväter und nicht selten die leiblichen Väter. Deshalb sind die Fahnder auf Hinweise angewiesen. Regelmäßig arbeitet Richard Maurer deshalb Linklisten durch, die Kinderschutzorganisationen einschicken.

“Aber bei einem Chatforum muss man in Echtzeit zugreifen”, betont Chef Bischeltsrieder. “Wenn man im Nachhinein daherkommt, ist der Täter längst weg.” Es ist ein ständiger Wettlauf, ein ständiges Wettrüsten. Bischeltsrieder ist mit der technischen Ausstattung seiner Dienststelle zufrieden, er sagt aber auch: “Kein Bereich ändert sich so schnell wie das Internet. Wenn ein Mitarbeiter vier Wochen im Urlaub ist, muss er wieder bei null anfangen.”

Das größte Problem der Fahnder ist allerdings ein ganz anderes: die psychische Belastung beim Anblick der körperlichen und seelischen Qualen der Kinder. Tagtäglich schauen die Beamten in die Abgründe der Gesellschaft, nicht alle halten das auf Dauer aus. “Wir haben eine relativ hohe Fluktuation”, bestätigt der Chef. Das LKA bietet seinen Internetfahndern Gesprächsrunden und psychologische Seminare an. “Und ganz wichtig ist, dass die Leute grundsätzlich freiwillig hier sind.” Sobald es einer nicht mehr aushält, kann er ohne Probleme in eine andere Dienststelle wechseln.

Selbstschutz ist wichtig

Richard Maurer ist seit fünf Jahren bei den Netzwerkfahndern. “Keine Gedanken machen”, lautet das Motto des Polizisten zum Selbstschutz. Man dürfe die Qualen der Kinder nicht an sich heranlassen. Das ist nicht immer leicht, denn die Kindesmisshandlungen werden immer brutaler.

“Ich vermute, die schaukeln sich in ihren Tauschringen in einer Art Wettbewerb gegenseitig hoch”, sagt Bischeltsrieder. Richard Maurer erzählt von einem Film, bei dem ein Baby auf eine Bank gefesselt wurde. Degradiert zum Lustobjekt, quasi gebrauchsfertig hergerichtet. Schon oft habe er gedacht, “einen abscheulicheren Film gibt es nicht”. “Und dann”, so Maurer, “kommt einer, der ist noch schlimmer.”

Quelle: Link

Bildunterschrift:
Cheffahnder Albert Bischeltsrieder will für Pädophile im Internet keine rechtsfreien Räume entstehen lassen. Er fordert daher eine noch bessere Ausstattung für seine Polizeibeamten.

Urteil gegen U-Bahn-Schläger

Dienstag, Juli 8th, 2008

Urteil gegen U-Bahn-Schläger
Die Zukunft selbst verschenkt

Harte Strafen: Auf Milde konnten die beiden Münchner U-Bahn-Schläger im Prozess nicht hoffen - das Gericht erlässt ihnen nichts von ihrer Verantwortung.
Von Joachim Käppner

Es ist nur ein kleiner Gegenstand, wie ihn die meisten Menschen besitzen; aber er ist fort, und sein Verschwinden erzählt vielleicht mehr über die Abgründe, die im Münchner Verfahren gegen die U-Bahn-Schläger deutlich wurden, als ein Dutzend Beweisanträge. Der frühere Schulleiter Hubert N., 76 Jahre alt, besaß eine kleine Olympus-Kamera, die er stets mitführte. Einmal, am 20. Dezember 2007, hatte er seine alten Freunde und Kollegen aufgenommen, auf der Weihnachtsfeier seiner alten Schule. Gut gelaunt stieg er kurz vor 22 Uhr in einen Wagen der U-Bahn-Linie 4 - und sein Leben veränderte sich für immer.

In der Station Arabellapark traten ihn Spyridon L. und Serkan A. beinahe tot, weil er sie ermahnt hatte, in der U-Bahn nicht zu rauchen. Sie nahmen seinen Rucksack mit, den fand die Polizei - aber die Kamera blieb verschwunden. Als die beiden jungen Männer sich vor Gericht stockend entschuldigten, sagte N., er habe es gehört: “Aber wo ist meine Kamera?” Nein, sie wollten sie nicht gesehen haben. Und weder sie noch ihr Umfeld sind je auf die Idee gekommen, ihm vielleicht eine neue Olympus zu schenken, als kleinen Akt persönlicher Wiedergutmachung - wo sie ihm doch so wichtig war.

Die Gefühle anderer jedoch waren nichts, was im Leben der beiden sogenannten U-Bahn-Schläger eine Rolle gespielt hätte. Und was sie selbst am Dienstag im fensterlosen großen Sitzungssaal des Münchner Landgerichts fühlen, als Richter Reinhold Baier das harte Urteil verkündet - man kann es nur ahnen. Zwölf Jahre nach Erwachsenenstrafrecht wegen Mordversuchs für Serkan A., den hageren Türken mit dem melancholischen Blick. Er schüttelt immer wieder den Kopf; oft schaut er hinauf zum Zuschauerrang, wo seine deutsche Verlobte Natascha mit der kleinen, erst neun Monate alten Tochter sitzt - eine Zukunft, die er selbst verschenkt hat. Und Spyridon L., der junge Grieche, der achteinhalb Jahre Haft nach Jugendstrafrecht absitzen soll: Er nickt vor sich hin wie hospitalisiert, als Richter Baier dem Duo ihre “erbarmungslose, gnadenlose und an roher Gesinnung nicht zu übertreffende Attacke” auf den alten Mann vorhält.

Ein Zwang, der stärker ist

Für seinen Mandaten, für Serkan A., sei das Urteil “vernichtend”, sagt Anwalt Michael Gallus, er befürchte, dass “A. am Rande des Selbstmordes stehe”. Da sind sie nun, zwei junge Männer, abgedriftet in die Gewalt und in die Hoffnungslosigkeit, und paradoxerweise könnte erst jetzt so etwas wie Hoffnung aufkeimen. Zum ersten Mal müssen sie sich mit den Folgen ihrer Lebensweise auseinandersetzen. Zum ersten Mal ist da ein Zwang, der stärker ist als ihr Wille, alle Chancen auszuschlagen, die das Leben jungen Menschen bieten könnte. Es liegt nun in ihrer Hand: Gute Führung, Ausbildung, nachgeholter Schulabschluss, das alles ist im Gefängnis nicht unmöglich.

Denn bisher hat es eines in diesen Leben nicht gegeben: jenes “stürmische Bedürfnis” der meisten Menschen in Schwierigkeiten, wie Robert Musil in “Der Mann ohne Eigenschaften” schrieb, “zurückzukehren zu dem Punkt, der vor der falschen Abzweigung liegt”. Das werden sich viele gewünscht haben nach diesem Verbrechen, nachdem die schockierenden Videobilder, die eine Überwachungskamera von der Tat aufgezeichnet hatte, deutschlandweit gezeigt wurden.

Zuerst die Helfer, die Ämter und Sozialbehörden und Jugendbetreuer in München - sie alle haben Hände ausgestreckt, zu den abdriftenden Jungs und ihren Familien, aber ergriffen wurden die Hände nicht. Es gab aber einen Punkt, zum Beispiel im Leben Serkan A.’s, in seiner verwahrlosenden, von roher Gewalt des Vaters zersetzten Familie, da hätte man ihn dort herausholen und den Eltern das Sorgerecht entziehen müssen. Doch das ist nicht geschehen.

Dann ist da das Opfer, der alte Schuldirektor Hubert N., der sich seither vielleicht tausendmal gefragt hat, ob er die beiden in der U-Bahn wirklich hätte konfrontieren sollen. Nur wenige hätten das getan: zwei hochaggressive, angetrunkene junge Männer zurechtzuweisen, nur um der Ordnung selbst willen: “In der U-Bahn wird nicht geraucht!” N.ist weder in ärztlicher noch in psychotherapeutischer Behandlung; er macht die Sache mit sich aus.

Bei den Tätern selbst aber ist der Punkt schwer zu erkennen, an dem ihr Leben aus den Fugen geriet, es ist eher ein Lebensweg, der stets nach unten führt. Die Mutter von Serkan A., sie sitzt nach einem Schlaganfall im Rollstuhl, weint bei der Urteilsverkündung still in ein weißes Taschentuch hinein, Serkans Schwester lehnt zusammengekauert an ihrer Schulter. Er selbst wagt kaum einen Blick hinüber zur Familie. Frau A. hat ihr Bestes für das Kind gewollt, aber ihr Bestes war nicht gut genug.

Sie konnte den Jungen nicht vor dem sadistischen Vater schützen und nicht vor sich, Serkan, selbst. Und Serkans Mittäter Spyridon L. mag, wie dessen Mutter vor Gericht um Fassung ringend sagte, “früher immer so ein liebes Kind gewesen” sein, das erst durch den ungeliebten Umzug von Saloniki nach Deutschland unhaltbar entglitt - es muss aber, wie nach und nach deutlich wurde, schon lange vorher Gewalt und Verlust des kindlichen Vertrauens gegeben haben.

Richter Baier war stets freundlich, aber unbeirrbar. Er hat es abgelehnt, A. nach Jugendstrafrecht zu verurteilen - das ist bei Heranwachsenden unter 21Jahren möglich und wird von vielen Gerichten gewohnheitsmäßig so gehandhabt, so als ob die Schwere einer Tat nur dadurch zu erklären sei, dass der Täter “jugendbedingte Reifeverzögerungen” aufweise. “Er war zur Tatzeit immerhin zwanzigeinhalb Jahre alt”, sagt Baier fest, und seine unkontrollierte Aggressivität sei keineswegs Ausdruck jugendbedingter Unreife, sondern gerade im Gegenteil “ein verfestigtes dissoziales Verhalten”. Mit anderen Worten: Der Angeklagte A. wusste, was er tat, und er kann niemand anderen dafür verantwortlich machen.

“Die bayerische Justiz wollte zeigen, dass sie hart durchgreift”, zürnt dagegen A.’s Verteidiger Florian Wurtinger über das “unverhältnismäßig harte und übertriebene Urteil”. Leider gebe es in Deutschland ähnliche Straftaten “jede Woche, und manches Opfer liegt noch im Koma - und trotzdem fallen die Strafen nicht so aus.” Sagt Wurtinger. Vielleicht hat das Gericht aber auch gezeigt, dass das Jugendstrafrecht nicht dafür da ist, volljährige Straftäter wie verirrte Kinder zu behandeln.

“Auf tiefster sittlicher Stufe”

Die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe hatte dagegen während des Verfahrens dringlichst plädiert, auch bei A. das Jugendstrafrecht anzuwenden; sie sprach von beiden jungen Männern wie von zwei kleinen Engeln, die zufällig einmal von der Wolke gefallen seien.Es ging also nicht nur um die Höhe der Strafe, sondern auch um die Eigenverantwortung des Einzelnen. An der gab es nichts zu deuteln: Keine Psychose, kein Vollrausch und was noch die Verteidigung aufgefahren hatte, um an der vollen Schuldfähigkeit vorbeizukommen.

Das ist der Kern des Urteils: Man kann den Weg zu dieser Tat psychologisch erklären und begreifen, dass die Münchner U-Bahn-Schläger keine Monster aus Angstphantasien sind, sondern Menschen, deren Leben aufs Schlimmste aus der Bahn gelaufen ist. Das aber befreit sie nicht von der Verantwortung für ihre Tat. Diese war, so Richter Reinhold Baier abschließend, “verachtenswert und auf tiefster sittlicher Stufe stehend”. Sollten Spyridon L. und Serkan A. jemals in die Normalität finden - es wird ein sehr langer Weg sein.

(SZ vom 09.07.2008/wib)