Archive for the ‘Gesundheit’ Category

Amoklauf - «Da lässt man die Hosen runter»

Freitag, Juni 18th, 2010

Amoklauf -
«Da lässt man die Hosen runter»

Schreckliche Bilder verfolgen die Polizisten, die beim Amoklauf von Winnenden oder Ansbach eingeschritten sind. Damit sie sich erholen können, hat die Stiftung der Deutschen Polizeigewerkschaft ein weiteres Ferienhaus für Betroffene in Lenggries eröffnet.

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Hauptkommissar Peter Gerlach,
der den Amokläufer von Ansbach angeschossen hat,
und andere traumatisierte Polizisten,
sollen sich in einem Ferienhaus der Stiftung der Deutschen Polizeigewerkschaft regenerieren. Foto: dpa

Mit drei Schüssen hatte Hauptkommissar Peter Gerlach im September 2009 den 19-jährigen Amokläufer Georg K. im Gymnasium Carolinum in Ansbach gestoppt. Als er mit seiner Frau und dem jüngsten seiner vier Kinder an Pfingsten in Lenggries war, lernte er die Familie eines Kollegen aus Winnenden kennen, dem der Amokläufer Tim K. durch den Hals geschossen hatte. «Die teilen eigentlich das gleiche Schicksal mit uns», stellte er fest.

Der 45-jährige Gerlach war damals als einer der ersten am Tatort gewesen. Als ihm blutüberströmte Kinder entgegenrannten, setzte bei ihm «eine emotionale Taubheit ein. Ich hatte keine Angst, kein Zittern, keine Nervosität, ich habe nur noch funktioniert», sagte er. Einige Tage später aber setzten enorme Kopfschmerzen und Alpträume ein. «Alte Bilder wurden wieder hochgespült, die ich schon lang verdrängt hatte. Bald war klar, das sich das allein nicht mehr packe.»

Plötzlich Bettnässer
Eine Psychotherapie habe ihm sehr geholfen, «die Bilder einfach wegzusperren». Am meisten aber habe ihn das Gespräch mit Kollegen weitergebracht, die ähnliche Erlebnisse hatten: «Da ist man Gleicher unter Gleichen. Da lässt man die Hosen runter. Da redet man anders als vor dem Staatsanwalt.»

Sein Kollege aus Winnenden sagte ein Pressegespräch in letzter Minute ab - die Nerven versagten. Sein damaliger Einsatzleiter Ralf Michelfelder sagte, 29 Kollegen hätten in den Stiftungshäusern mit ihren Familien Abstand und Ruhe gefunden. Eine Beamtin, deren Tochter in der Schule erschossen worden war, war ebenso in Lenggries wie ein Polizist, dessen Frau als Lehrerin getötet worden war.

Michelfelder berichtete von einem Kriminaltechniker, der bei der Spurensicherung neben einem erschossenen Mädchen ständig dessen Handy klingeln hörte und auf dem Display las: «Papa ruft an.» Jede Nacht sei der Beamte nachts aufgewacht und habe das Klingeln gehört. Ein anderer Kollege sei plötzlich zum Bettnässer geworden.

Schläge und Messerattacken kein Tabu mehr
Wie Polizisten auf solche Erfahrungen reagierten, hänge davon ab, «wie voll der Belastungsakku schon ist». Und die Belastung sei durch die zunehmende Aggression gegen Polizisten gestiegen.

Nach einer soeben vorgelegten Studie des Kriminologischen Instituts Niedersachsen sind im vergangenen Jahr 96 Prozent der Streifenpolizisten beschimpft oder bedroht worden, 39 Prozent wurden geschlagen oder getreten, elf Prozent mit Messern oder anderen Waffen angegriffen. «Im Vergleich der fünf Jahre des Untersuchungszeitraums zeigt sich ein deutlicher Anstieg der Gewaltübergriffe», stellten die Forscher fest. Vor allem bei der Festnahme von Tatverdächtigen, bei Familienstreitigkeiten und bei Demonstrationen wurden mehr Beamte verletzt.

Härtere Strafen gefordert
Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden und Mitglied des Förderkreises der Stiftung, forderte in Lenggries härtere Strafen für Angriffe auf diejenigen, «die für uns den Kopf hinhalten». Dass in Berlin soeben 15 Polizisten bei einer Demonstration durch Sprengstoff verletzt worden seien, sei nur die Spitze des «alltäglichen Wahnsinns». Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, kritisierte, dass ein Angriff auf einen Polizisten mit zwei Jahren, ein Angriff auf ein Polizeiauto aber mit fünf Jahren Haft bestraft werden könne.

Verletzte Polizisten würden in Bayern am besten versorgt, «die psychosoziale Betreuung ist beispielhaft», sagte der Gewerkschaftschef. Schlusslicht sei Berlin - das sei «der miserabelste Arbeitgeber für Polizeibeamte in Deutschland».

Gründer und Leiter der Stiftung, die neben verletzten Polizisten auch Rettungssanitätern oder Feuerwehrleuten Erholung bietet, ist Berend Jochem. Als nordrhein-westfälischer Polizist war er 1972 zum Attentat bei den Olympischen Spielen nach München abkommandiert worden und hatte später als Scharfschütze und als Personalrat die Not vieler Kollegen erlebt. Heute sorgt der 64-Jährige bundesweit dafür, dass betroffene Kollegen mit ihren Familien mal zwei Wochen Abstand gewinnen und mit anderen reden können - und dass Spenden und Bußgelder von Gerichten reinkommen.

«Familie leidet ungemein»
Anders als Therapie- und Kurangebote wende sich die Stiftung auch an die Familie des Polizisten, lobte Gerlach. «Die Familien kommen eigentlich immer viel zu kurz bei einer solchen Geschichte», sagte der Ansbacher Polizist. «Meine Familie leidet ungemein darunter.» Seine Frau und die Frau des Kollegen aus Winnenden hätten in Lenggries «ganz ähnliche Erfahrungen und gewaltige Parallelen» bei sich entdeckt. Dass der Beruf des Streifenpolizisten eigentlich harmlos und ungefährlich sei, habe er seiner Frau nach dem Amoklauf nicht mehr glaubhaft machen können. Sie bat ihn, aus der Schusslinie zu gehen. «Das ist der Hauptgrund, warum ich heute in der zweiten Reihe arbeite.»

sck/news.de/ap

Kampf gegen den eigenen Körper

Sonntag, November 16th, 2008

Ein Dienstunfall lähmt einen jungen Polizisten. Nach drei Jahren und drei Monaten kehrt er zurück zur Kripo.
Von FOCUS-Redakteur Josef Seitz

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Es ist die Fallhöhe eines Lebens: An einem Samstag im Juni 2005 geht der Würzburger Polizei-Hundeführer Uwe Herold früh um sieben zum Dienst. Um die Hunde zu schulen, klettert er auf einen Baum. In zweieinhalb Meter Höhe bricht ein Ast. Uwe Herold stürzt. Am nächsten Morgen meldet der Polizeibericht „zum Sachverhalt: PHM Herold wurde bis in die Morgenstunden operiert. Laut Auskunft der behandelnden Ärzte wird er vom Hals abwärts querschnittgelähmt bleiben“.

Aus der Narkose erwacht Uwe Herold in einer neuen Welt. Es ist eine Welt von unten. Die erste Rasur erschreckt ihn. Tätowierte Arme fassen ihm von oben ins Gesicht. „Ich bin der Manfred“, sagt ein Kerl, die langen Haare zum Pferdeschwanz gebunden. „Ich will das nicht“, fährt Uwe Herold durch den Kopf, „der Typ sieht aus wie die Kundschaft, die ich immer kontrolliert habe“. Es dauert, dann freunden sich der Polizist und der Tätowierte an. Uwe Herold bleibt Zeit, sich Krankenhaus und Personal zu gewöhnen.

Die Kinder laufen weinend davon
Als seine Kinder zum ersten Mal ins Krankenzimmer dürfen, endet der Besuch schnell. Sohn Sven läuft weinend auf den Flur. Den Pflegesohn Manuel findet die Mutter später zu Hause, die Tränen fließen. Er hat Angst, ins Heim zurück zu müssen, jetzt, wo der Vater vom Polizisten zum Pflegefall geworden ist. Tochter Santana schreibt einen Brief ins Krankenhaus, er besteht aus einem einzigen Wort: „LiebPapakombaldheim“.

Uwe Herold, heute 36, ist Tetraplegiker. Ein angebrochener vierter Halswirbel, der zertrümmerte fünfte, ein angebrochener sechster trennen den Kopf vom Körper. Schon das Atmen fällt schwer. Arme und Beine sind gelähmt. Er kann keinen Finger krumm machen. Er hat keine Chance. Aber er will sie nutzen. In Uwe Herold Kopf setzt sich eine Idee fest: „Ich bin zu jung. Es kann nicht der Sinn des Lebens sein, zu Hause zu sitzen.“ Und: „Ich will den Kollegen zeigen, dass man trotz einer Behinderung sinnvoll arbeiten kann.“

Panik vor dem Atemstillstand
Der Polizist lebt in einer verrenteten Gesellschaft. Fast jeder fünfte Vollzugsbeamte in Deutschland geht vorzeitig in Pension. Uwe Herold hätte jeden Grund, die Arme in den Schoß zu legen. Er kann ja ohnehin nichts anfangen mit ihnen. Er stemmt sich gegen seinen Körper. Im Krankenhaus lässt er die Beatmung abstellen. Gegen seine Panik, dass nur sie ihn am Leben hält. Er staunt: „Ich kann ohne Maschine atmen.“ Zwei Wochen übt er, um Atem und Sprache wieder zu koordinieren. Er ruft seine Frau Bianca an: „Hallo“, haucht er ins Telefon, „ich bin’s.“ Sie will ihm nicht glauben. Er lernt wieder sitzen.

Die Stimme öffnet Türen
Drei Jahre und drei Monate nach dem Unfall ist Uwe Herold wieder Polizist. Bei der Kripo in Würzburg hat man ihm ein Büro im Erdgeschoss eingerichtet. Die Kollegen kommen gern vorbei bei Kriminalhauptmeister Herold. Und wenn sie klopfen, ist Zeit für Science-fiction. Uwe Herolds Stimme kann die Tür öffnen. Sie steuert das Deckenlicht. Sie lässt die Jalousie vor dem Fenster herunter fahren und wieder hoch. Die Sprachsteuerung übers Telefon macht es möglich. Am Computer aktualisiert der Polizist Daten für die Kollegen. 23 000 Euro hat die Würzburger Polizei in den Arbeitsplatz für den Querschnittgelähmten investiert. Vorerst zwei Stunden am Tag arbeitet Uwe Herold. „Wach auf“, sagt er zum Programm. Er diktiert: „Bei einer Überprüfung der von Ihnen angefragten Person wurde eine aktuelle Fahndung festgestellt.“

Nach Feierabend sagt Uwe Herold: „Was gäbe ich darum, könnte ich meine Tochter noch einmal in den Arm nehmen, ohne dass sie meinen Arm um sich legen muss.“ Es gibt Sätze, nach denen seine Frau Bianca schnell aufsteht, um ein Tuch zu holen. Damit tupft sie ihrem Mann eben mal ein wenig unter den Augen.

Die gesamte Reportage über Uwe Herold lesen Sie im aktuellen FOCUS (47/2008) ab Seite 108.

Quelle: Focus.de

Elektronische Gesundheitskarte belastet Gesundheitsfonds

Montag, November 3rd, 2008

Nach Ansicht des NAV-Virchow-Bundes der niedergelassenen Ärzte Deutschland müssen die Krankenkassen im Jahr 2009 für die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte 660 Millionen Euro aus dem Gesundheitsfonds einplanen. Der Millionenregen aus Fonds-Mitteln soll angeblich die Einführung der Gesundheitskarte beschleunigen.

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Klaus Bittmann, Vorsitzender des größten deutschen Verbandes niedergelassener Ärzte, forderte die Kassen auf, die Mittel lieber in die medizinische Ausstattung unterversorgter Gebiete zu investieren. Ein chaotisches Projektmanagement und eine unausgegorene Technik werde weiter gefördert, beklagt der Verbandsvorsitzende. Er hält weiterhin für skandalös, dass der Etat der Projektgesellschaft Gematik 2009 auf 85 Millionen steigen soll. (2008: 70 Millionen, 2007: 40 Millionen).

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Unterdessen rückt der Termin für die Einführung der Gesundheitskarte weit in das Jahr 2009 hinein. Bisher gehegte Pläne, den Start des Karten-Rollouts im November auf der Medizinmesse Medica zu verkünden, sind längst Makulatur: nach wie vor gibt es nicht genug Lesegeräte am Markt, um den Durchschnittspreis zu ermitteln, aus dem sich die Unkostenpauschale ergibt, die an alle Ärzte und Zahnärzte gezahlt werden soll.

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Dennoch will die Gematik auf der am 19.November startenden Medica neue Entwicklungen zeigen. Nach Informationen der Ärztezeitung soll erstmals demonstriert werden, wie ein elektronisches Rezept “verteilt” bearbeitet wird: Die Sprechstundenhilfe bereitet das Rezept am Empfang vor, das der Arzt in seinem Behandlungszimmer nur noch zu signieren braucht, damit es auf die Gesundheitskarte des Patienten geschrieben werden kann.

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Zur weiteren Akzeptanzförderung der neuen Karte durch die Patienten soll außerdem demonstriert werden, wie die Arzneimitteltherapiesicherheitsprüfung (AMTS) funktioniert. Dafür muss ein Arbeitsplatz mit einem Barcode-Scanner ausgerüstet werden, mit dem alle mitgebrachten Medikamentenschachteln des Patienten eingelesen und ausgewertet werden. So schließt sich gewissermaßen ein Kreis: die ersten Arbeiten an der Gesundheitskarte begannen nach dem Lipobay-Skandal im Jahre 2001.

Quelle: Internet

Wie normale Menschen zu Folterknechten werden

Donnerstag, September 25th, 2008

Milgram-Experiment

Beim Milgram-Experiment quälten vor knapp einem halben Jahrhundert normale Bürger andere Versuchspersonen. Zwei Drittel der Testpersonen waren bereit, auf autoritäre Anweisungen Grausamkeiten zu begehen. Jetzt ist der Versuch wiederholt worden – mit erschreckenden Ergebnissen.

Als Hannah Arendt 1961 „Eichmann in Jerusalem“ schrieb und den Begriff „Banalität des Bösen“ prägte, wusste sie nicht, was zur gleichen Zeit an der Yale University im amerikanischen New Haven passierte. Dort machte sich der jungen Psychologe Stanley Milgram daran, ihre These – die er damals noch nicht kannte – empirisch zu untermauern. Er entwickelte einen Test, mit dem man die Autoritätshörigkeit von Menschen realistisch auf die Probe stellen kann.

Wie weit würden Menschen gehen, wenn ein Vorgesetzter es von ihnen verlangt? Können ganz normale Menschen Grausamkeiten begehen, die man eigentlich nur krankhaften Sadisten und aufgehetzten Fanatikern zutraut? Das Ergebnis war niederschmetternd: Zwei Drittel der Testpersonen waren dazu bereit. Das Milgram-Experiment wurde zum bekanntesten psychologischen Versuch aller Zeiten. Fast ein halbes Jahrhundert später und mehr als zwei Jahrzehnte nach Milgrams frühem Tod ist es immer noch weltbekannt. Die Ergebnisse lassen bis heute niemanden kalt, der von ihnen hört oder liest.

Jetzt hat der Psychologe Jerry M. Burger von der Santa Clara University in Kalifornien das Experiment erneut durchgeführt und damit die Hoffnung zerstört, die Menschheit hätte sich seit den frühen 60er-Jahren moralisch weiterentwickelt. Trotz gesellschaftlicher Liberalisierung, der gestiegenen Bedeutung individuellen Glücks, der harschen Kritik an traditionellen Autoritäten und der Emanzipation von konventionellen Zwängen hat sich die Zahl derer, die sich einer unmenschlichen Anweisung verweigern, nicht erhöht. Im Konfliktfall bleibt ein Drittel moralisch standfest, und zwei Drittel gehorchen.

“Sie haben keine Wahl, Sie müssen weitermachen!“
Milgrams Versuchsaufbau war ganz einfach. Den Testpersonen wurde erzählt, sie nähmen an einem Lernexperiment teil und sollten dabei als Lehrer fungieren. Man zeigte ihnen im Nachbarraum den Schüler, der auf einer Art elektrischer Stuhl festgeschnallt war. Was sie nicht wussten: Der Schüler war Mitglied des Forscherteams und schauspielerte nur. Nun sollten sie dem Schüler Aufgaben stellen und ihm mithilfe eines Apparats Stromstöße verpassen, wenn seine Antworten falsch waren. Schräg hinter ihnen saß dabei der Versuchsleiter, die Autoritätsperson.

Die Stromstöße waren anfangs schwach, dann gab der Versuchsleiter Anweisung, sie schrittweise zu verstärken. Wenn vermeintlich 120 Volt erreicht waren, stieß der Schüler Schmerzensrufe aus. Bei 150 erklärte er, dass er am Versuch nicht mehr teilnehmen will. Bei 200 Volt brüllte er vor Schmerzen. Ab 330 Volt war es im Nebenraum still, was das Schlimmste vermuten ließ. Ebenso wie die Reaktionen des Schülers hatte Milgram die Anweisungen des Versuchsleiters standardisiert. Es begann stets mit „Bitte machen Sie weiter!“, steigerte sich zu „Sie müssen unbedingt weitermachen!“. Die höchste Stufe lautete: „Sie haben keine Wahl, Sie müssen weitermachen!“ Nur 35 Prozent der Probanden weigerten sich und brachen das grausame Experiment ab.

Dabei gab es keine Unterschiede zwischen Alten und Jungen, Männern und Frauen, Frommen und Ungläubigen oder den Anhängern unterschiedlicher Religionen oder Weltanschauungen. Ein Drittel widersteht, zwei Drittel nicht – so ist der Mensch. Milgram sagte damals: „Vor einiger Zeit fragte ich mich in einem unschuldigen Moment, ob ein bösartiges Regime in den USA im ganzen Land genug moralisch Unzurechnungsfähige finden würde, um ein nationales System von Todeslagern, ähnlich dem der Nazis in Deutschland, zu unterhalten. Ich fange an zu glauben, dass sich die dafür nötigen Leute allein schon in New Haven rekrutieren ließen.“

Sind wir wirklich so schlecht?
Burger führte den neuen Versuch in gleicher Weise durch. Wie Milgram sagte er den Probanden zuvor, dass sie ihr Honorar fürs Erscheinen kriegen, unabhängig vom Mitmachen. Nur eines war bei der aktuellen Wiederholung anders. Die Ethikkommission der Universität gestattete ihm nicht, dass die vorgetäuschte Stromstärke wie beim alten Experiment bis 450 Volt ging. Das sei eine zu starke psychologische Belastung für die Probanden. Es wurde Burger jedoch erlaubt, das Spiel bis 150 Volt zu treiben. Dann musste er abbrechen. Interessanterweise war schon bei Milgrams Testreihe die 150-Volt-Schwelle bedeutend. Die meisten Versuchspersonen die sich weigerten, taten dies bei dieser Stromstärke, bei der der Schüler gemäß dem Versuchsplan zu sagen hatte: „Ich will nicht mehr mitmachen.“

Nach dem Versuch wurden die Probanden aufgeklärt und gefragt, was während des Tests in ihnen vorging. Verweigerer und die Gehorsame zeigten deutliche Unterschiede in der Einordnung der Situation. Die, die Nein gesagt hatten, betonten ihre Eigenverantwortlichkeit. Die Jasager sahen die Verantwortung beim Versuchsleiter. Typische Erklärungen lauteten: „Ich tat, was ich tun sollte.“ Oder: „Ich bin hier, um ein Experiment durchzuführen, und deshalb trage ich meinen Teil dazu bei.“

Dass so erschütternd wenige Nein sagen, mag eingefleischte Misanthropen bestätigen, für die meisten Menschen sind die Ergebnisse des Milgram-Experiments schwer zu ertragen. Sind wir wirklich so schlecht? Steckt in zwei Dritteln der Menschheit ein Eichmann-Potenzial? Burger sieht seine eigenen Ergebnisse kritisch und räumt ein, dass die Anordnung des Tests das Ergebnis verfälschen könnte. Womöglich würden bei einem anderen Versuchsaufbau mehr Menschen das moralisch Richtige tun.

Das Diktum aus Brechts Dreigroschenoper
Zwei besondere Umstände sind dazu angetan, den Impuls zum Gehorchen zu verstärken: der Zeitdruck, der den Versuchspersonen suggeriert wurde, und die ungewohnte, verwirrende Situation. Nur wenige können innerhalb von Minuten feste moralische Entscheidungen treffen, andere brauchen ein bisschen länger dafür. Dennoch könnte man diese Zögerer nicht als KZ-Wächter einsetzen. Sind die Menschen doch ein bisschen besser?

Milgram selbst ließ sich damals einige Varianten einfallen, die die Zahl der Aufrechten erheblich erhöhten. Wenn zum Beispiel andere (eingeweihte) Mitspieler im Raum waren, die ebenfalls Stromstöße erteilen sollten, sich aber dagegen sträubten, dann sank die Quote der bedingungslos Gehorsamen auf zehn Prozent. Wenn zwei Versuchsleiter Uneinigkeit simulierten, brachen sogar hundert Prozent Testpersonen ab. Auch wenn der Versuchsleiter nicht im Raum war, nahm die Zahl der Verweigerer zu, ebenso wenn die Probanden den Schüler sahen und ihn anfassen mussten, um ihm den angeblichen Stromschlag zu verpassen.

Noch eine andere Beobachtung gibt ein wenig Glauben an die Menschheit zurück. Die meisten Getesteten waren während des Versuchs emotional sehr aufgewühlt, und es war offensichtlich, dass sie sich unwohl fühlten. Milgram fiel besonders ein nervöses Lachen auf, das 35 Prozent der Getesteten überkam. Möglicherweise würden bei einem anderen Versuchsaufbau mehr Menschen Nein sagen.

Bis es Wissenschaftlern gelingt, den Milgram-Versuch zu relativieren, gilt weiterhin das Diktum aus Brechts Dreigroschenoper: „Der Mensch ist nicht gut.“

Quelle: Internet

Arbeitszeit - „41,1 Stunden sind familienfeindlich“

Montag, September 15th, 2008

Laut einer EU-Studie ist die Wochenarbeitszeit in kaum einem anderen Mitgliedsstaat länger als in Deutschland. Nun fordert der DGB zum Umdenken auf.

Sommer fordert eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit

“Der Trend zu immer längeren Arbeitszeiten muss umgekehrt werden. Immer längere Arbeitszeiten behindern den Beschäftigungsaufbau, sind familienfeindlich und gesundheitsschädlich“, sagte DGB-Chef Michael Sommer der Zeitung „Die Welt“ am Montag. Wenn die Arbeit auf mehrere Schultern verteilt werde, hätten auch mehr Menschen eine Chance auf einen Arbeitsplatz und ältere Beschäftigte die Möglichkeit, bis zur Rente durchzuhalten. Außerdem steige die Lebensqualität.

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„Ohne Mehrarbeit weniger Wohlstand“
Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände wies diese Darstellung des DGB allerdings entschieden zurück. Die Behauptung, längere Arbeitszeiten behinderten den Beschäftigungsaufbau, sei falsch.

„Die Entwicklung am Arbeitsmarkt der vergangenen Jahre zeigt: Wo immer es möglich ist, haben die Unternehmen zusätzliche Mitarbeiter eingestellt“, sagte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt der AP. Die Unternehmen benötigten aber auch flexible Arbeitszeiten, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und den Mangel an Fachkräften auszugleichen.“

„Ohne Mehrarbeit unserer Fachkräfte würde kein Arbeitsplatz zusätzlich besetzt, die Wirtschaft könnte vielmehr Aufträge nicht abwickeln“, sagte Hundt. Die Folge wäre weniger Wohlstand für alle. Hintergrund der Äußerungen Sommers ist dem Blatt zufolge eine Studie der EU-Agentur zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen im Auftrag der 27 Mitgliedsstaaten, wonach die tatsächliche Wochenarbeitszeit in Deutschland bei 41,1 Stunden liegt – das sind 3,3 Stunden mehr als 2003.

Deutschland belegt danach im europäischen Vergleich einen Spitzenplatz. Nur die Arbeitnehmer in Bulgarien (41,7 Wochenstunden), Großbritannien (41,4) und Tschechien (41,2) arbeiten länger. Der Studie zufolge arbeiten die Arbeitnehmer in Deutschland deutlich mehr als in den Tarifverträgen vereinbart, wie die Zeitung schrieb.

Die in den Tarifverträgen festgelegte Wochenarbeitszeit liegt in Deutschland bei 37,6 Stunden. Viele Beschäftigte müssen aber Überstunden machen, außerdem haben immer weniger Unternehmen eine Tarifbindung.

Quelle: Internet

Berufsalltag - Frust im Büro

Mittwoch, September 3rd, 2008

Gerade mal jeder Achte engagiert sich in seinem Job.

Mangelnde Wertschätzung, fiese Chefs und Leistungsdruck verleiden Angestellten den Spaß an der Arbeit. Unter welchen Motivationskillern leiden Sie?

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Und was bringt Sie zur Weißglut?
Bereits Kleinigkeiten vermiesen den Frustrierten die Laune: Ein Kollege schnappt einem schon wieder den letzten Parkplatz vor der Nase weg, der Chef grüßt muffelig oder gar nicht, die Lieblingskaffeetasse ist spurlos verschwunden.

Doch es gibt auch ernstere Probleme: Der Vorgesetzte verteilt nur frustrierende Aufgaben, die Kollegen grenzen aus oder der Chef stellt Mitarbeiter vor versammelter Belegschaft bloß. Jeder vierte Deutsche hat in seinem Berufsleben zumindest einmal mit Mobbing und den psychischen Folgen zu kämpfen. Andere fürchten, ihren Job zu verlieren.

Leistungsdruck und Konkurrenzkampf sind groß in Zeiten des Rationalisierens und Flexibilisierens.

Für Workaholics ist das alles kein Problem. Sie verbinden den Familienausflug am Wochenende mit einem Besuch auf dem Betriebsgelände, legen sich mit dem Laptop unterm Kopfkissen schlafen und beantworten E-Mails aus dem Urlaub. Viele nehmen dabei ihre Grenzen und Bedürfnisse nicht mehr wahr und überhören körperliche und seelische Warnsignale. Irgendwann gelangen sie ans Ende ihrer Kräfte und brechen zusammen – Diagnose Burnout.

Mit welchem Ärger im Job haben Sie zu kämpfen? Was nervt Sie besonders? Was würden Sie ändern, wenn Sie könnten? Oder haben Sie sogar schon eine Lösung für ihre beruflichen Sorgen gefunden? Schildern Sie uns Ihre Erlebnisse schreiben Sie uns eine E-Mail an frust-im-buero@focus.de Ihren Namen und den Ihrer Firma können Sie natürlich durch ein Pseudonym ersetzen.

Quelle: Internet

Neues Buch - Berliner Polizistin erzählt von ihrer Angst

Mittwoch, August 13th, 2008

Jürgen Röhr wird mit seinem Funkstreifenwagen zu einer Schießerei in Kreuzberg gerufen. Wenig später feuert der Täter auch auf die Polizisten. Röhr wird schwer verletzt. In einem Buch berichtet seine Frau, selbst Polizistin, von den traumatischen Erlebnissen – und wie sie heute damit umgeht.

Fast 300 Mal machte sie sich auf, um ihren Mann im Berliner Urban-Krankenhaus zu besuchen. Die Erinnerungen sind wie fest gebrannt im Gedächtnis. “Am 86. Tag erwachte Jürgen endlich aus dem Koma. Eine erste Hoffnung nach den Operationen, Komplikationen, Tiefschlägen”, blickt Katrin Röhr auf die Zeit vor fünf Jahren zurück. Ihr Mann, Polizist, war 2003 mit seinem Funkstreifenwagen zu einer Schießerei nach Kreuzberg gefahren. Wenig später hieß es im Radio: Es gab Tote und Verletzte, darunter auch Polizisten. Ein Mann hatte am helllichten Tag vor einer Kneipe eine Frau erschossen, anschließend einen zufällig vorbeikommenden Radfahrer schwer verletzt und war geflüchtet. Wenig später stieß der Täter auf zwei Polizisten und feuerte sofort los, bevor er sich selbst richtete.

“Bloß nicht Jürgen”, schoss es damals der heute 45-Jährigen durch den Kopf. Sie hatte sich mit ihrem Mann zum Feierabend verabredet, war gerade auf dem Weg zu seiner Dienststelle. Dort traf sie Jürgens Streifenwagenkollegin – völlig in Tränen aufgelöst.

Das Buch “Die Angst ist dein größter Feind”
Erstmals spricht Katrin Röhr, selbst Polizistin, über die Ereignisse an jenem Tag. “Es ist nicht einfach, diese Wochen in Worte zu fassen”, sagt sie. Deshalb stimmte sie vor ein paar Monaten auch dem Angebot zu, das Erlebte für ein Buch aufzuschreiben. “Die Angst ist dein größter Feind - Polizistinnen erzählen” (Piper Verlag) ist dieser Tage erschienen. Nach den Worten von Herausgeber Volker Uhl hebt sich die Geschichte von Katrin Röhr schon etwas heraus, zeigt sie doch, wie nah Leben und Tod in diesem Beruf zusammenliegen.

“85 Mal telefonierte ich jeden Morgen mit dem Arzt, fuhr nach dem Mittagessen los, um pünktlich zur Besuchszeit auf der Intensivstation zu sein. Ich funktionierte und rotierte wie ein Hamster im Laufrad”, blickt die 45-jährige Mutter zweier erwachsener Kinder zurück. “Es war Wahnsinn. Doch ich wusste, mein Mann schafft es.”

Ein Arzt hatte von einem Bauchschuss, einem “perforierten Magen und einem abgerissenen Darm” gesprochen. Eine Krankenschwester hatte ihr nach den ersten Operationen auf die Frage nach der Chance des Überlebens gesagt: “Glauben Sie denn an den Weihnachtsmann?”

Katrin Röhr strahlt die Zuversicht aus, die wichtig ist, solche Schicksalsschläge zu überstehen: “Ich beruhigte mich in all den Wochen, tröstete häufig noch andere am Telefon.” Etwas später fügt Röhr, die 1993 zur Polizei kam, hinzu: “Wir mussten beide erst lernen, dass Jürgen schwerbehindert ist, aber er hat es geschafft - es ist ins Leben zurückgekehrt.”

Die beiden Wahlberliner wollen auch andere, die ähnliche Situationen als Polizisten-Familien verarbeiten müssen, unterstützen: “Nach ein paar Jahren hilft dir keiner mehr, hat der Alltag die Ereignisse überholt.” Deshalb nehmen sie seit 2005 regelmäßig an Treffen einer polizeilichen Selbsthilfegruppe teil. Ihr Mann, der nun im Ruhestand ist, bietet zudem Kollegen mit “Schusswaffen-Erlebnissen” Hilfe auf seiner Internetseite an.

“Mittlerweile bin ich auch stark genug, über das Geschehene zu sprechen”, sagt Katrin Röhr, die auch nach jener Tat weiter mit einer Waffe im Dienst unterwegs ist. “Aber stets mit Schutzweste”, fügt die Beamtin hinzu.

17 Polizistinnen erzählen ihre Geschichte
Neben Katrin Röhr berichten in dem Buch 17 weitere Frauen von ihrer Polizeiarbeit – wie sie Kinder in Not retten, von der Angst, wenn Täter körperlich überlegen sind, von ihrem weiblichen Instinkt, der schon manchen Verbrecher überführte oder Geiselnehmer zur Aufgabe bringen konnte.

“Frauen in Uniform sind immer noch etwas Exotisches”, nennt Uhl einen Grund für das 240 Seiten starke Buch. “Als vor mehreren Jahrzehnten die ersten Frauen als Schutzpolizistinnen ausgebildet wurden, glaubte man noch, dass ihnen weniger geschehen würde. Es blieb ein frommer Wunsch”, sagt Uhl, selbst langjähriger Polizist und heute Fachkoordinator für Konflikthandhabung und Krisenmanagement an der Polizeiakademie Baden-Württemberg in Freiburg. “Spätestens seit Heilbronn im vergangenen Jahr, als eine Polizistin kaltblütig erschossen wurde.”

Die schreibenden Frauen zwischen 25 und 84 Jahren lassen den Leser aus eigenem Erleben wissen, wie gefährlich der Beruf ist. “Das Interesse, etwas aufzuschreiben, war größer als gedacht – insgesamt kamen 50 Beiträge”, sagt Uhl, der 2002 das Internetprojekt Polizei-Poeten ins Leben rief. “Wir fingen damals mit fünf Schreibern an, heute sind es 170, vor allem Männer.”

“Die Angst ist dein größter Feind - Polizistinnen erzählen” (Piper Verlag), ISBN: 978-3-492-25217-1, Preis: 8.95 Euro

Quelle: Berliner Morgenpost 2008

Mehr als 3500 Behörden-Mitarbeiter im Dienst verletzt

Donnerstag, August 7th, 2008

Polizei, Feuerwehr, Ordnungsamt

Mehr als 2500 Polizisten wurden 2007 im Dienst verletzt, hinzu kommen lädierte Feuerwehrmänner und Ordnungsamtmitarbeiter. Mehr als dreieinhalb Millionen Euro haben die Heilverfahren für die Verletzten die Behörden gekostet. Arbeitsausfälle nicht mitgerechnet.

Im vergangenen Jahr sind in Berlin mehr als 3500 Polizisten, Feuerwehrmänner und Ordnungsamtmitarbeiter im Dienst verletzt worden. Die Behörden haben deshalb mehr als dreieinhalb Millionen Euro in die Genesung ihrer Beamten und Angestellten investiert. Die Zahlen gehen aus einer Anfrage des CDU-Abgeordneten Peter Trapp im Berliner Abgeordnetenhaus hervor und liegen Morgenpost Online vor.

Im Jahr 2007 sind demnach 2788 Polizisten in Ausübung ihres Dienstes verletzt worden. Die Unfallkasse Berlin hat in ihrer Zuständigkeit für die Angestellten bei der Polizei ermittelt, dass 320 ihrer Kollegen im Dienst lädiert wurden. Zu ihnen gehören zum Beispiel die Angestellten in den Gefangenensammelstellen.

Die Berliner Feuerwehr nennt für das vergangene Jahr ähnliche Zahlen wie die Unfallkasse: 386 Beamte sind in Einsätzen verletzt worden. Die Ordnungsämter der Stadt melden 31 Mitarbeiter, die während ihres Dienstes körperlich Schaden nahmen.

Ist der Beamte im Dienst verletzt worden, kümmert sich die Behörde um seine Genesung; sie bezahlt die Heilverfahren. Die Berliner Polizei (etwa 16.000 Beamte) hat für ihre kranken Kollegen im vergangenen Jahr 3.046.184 Euro ausgegeben. Die Feuerwehr (etwa 3000 Beamte) musste deutlich weniger tief in die Tasche greifen: 455.794 Euro sind ausgegeben worden. Die Unfallkasse teilte mit, dass ihr für die Angestellten Kosten in Höhe von 249.466 .Euro entstanden.

Auf die Frage des CDU-Politikers Trapp, in wie vielen Fällen es in Zusammenhang mit den Verletzungen zu Arbeitsausfällen gekommen sei, gab der Senat lediglich bekannt, dass die Ausfälle bei den Ordnungsämtern in 2007 insgesamt 469 Arbeitstage betrugen. Für Polizei und Feuerwehr gab es keine Angaben.

Quelle: www.morgenpost.de/berlin/article824665/Mehr_als_3500_Behoerden_Mitarbeiter_im_Dienst_verletzt.html